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TELEFONSEX - DER GEBÜHRENBETRUG

FOCUS deckt eine neue Dimension der Kriminalität auf: Der Schaden geht in die Milliarden. Treffen kann es jeden Telefonkunden

Mittwoch letzter Woche gab Ursula Simon, Staatsanwältin am Landgericht Köln, grünes Licht: Bundesweit rückten rund sechshundert Polizisten und Kripobeamte aus, durchsuchten Wohnungen, Büros und Vermittlungsstellen und nahmen 61 „Telefonbetrüger“ fest.

Der große Schlag galt einer bisher unbekannten Form von Kriminalität: Telefongebühren produzieren, um abzukassieren. Den jährlichen Schaden, der durch die Techno-Kriminellen entsteht, beziffern Insider auf mehrere Milliarden Mark.

Die Opfer der Telefon-Mafia:

l Zehntausende von Telekom-Kunden, auf deren Kosten telefoniert wird und die sich am Monatsende über ihre hohen Telefonrechnungen wundern.

l Die Telekom selbst, die stets betont, wie sicher ihr Telefonnetz sei und nicht merken will, wie sich Kriminelle selbst bedienen.

Möglich wurde die neue Krimi-nalität durch die Einführung sogenannter Service-Lines. Eine Variante: 190er Telefonnummern, für die jeder Anrufer 1,15 Mark pro Minute zahlen muß. Die Telekom als Netzbetreiber kassiert davon den Löwenanteil von 52 Prozent, der technische „Service-Provider“ 48 Prozent, die er in der Regel mit dem Informationslieferant („Content-Provider&ldquo teilt.

Finanziell richtig interessant wird das Geschäft bei sogenannten Telefonsex und Party-Lines im Ausland: Der Content-Provider erhält hier nämlich pro Minute zwischen 40 und 70 Pfennig. Den deutschen Telefonkunden kostet die Angelegenheit satte 3,12 Mark pro Minute.

Soviel Geld ist das Gestöhne freilich kaum einem Telekom-Kunden wert. Der legale Umsatzanteil im Milliardengeschäft mit Telefonsex Nummern liegt nach Einschätzung von Experten „höchstens bei 20 Prozent“. Der Trick: Rund 80 Prozent der Gebühren werden von Kriminellen „produziert“.

Die simpelste Methode: „Dialer“, das sind zigarettenschachtelgroße, elektronische Wählautomaten, anklemmen. Das Gerät wird auf Telefonsex Nummern programmiert und an Telefonleitungen geklemmt, mit Vorliebe in Schaltkästen der Telekom, in Ortsvermittlungsstellen oder an beliebigen Stellen der Leitung.

Wer die Rechnung zahlt, entscheidet der Zufall: Entsprechend programmiert, wählt der Dialer täglich zwischen 1.00 und 3.00 Uhr nachts beliebig viele Sex-Nummern an.

Im Raum Köln/Leverkusen vertreibt zum Beispiel seit mehreren Jahren ein Student mit Spitzname „Silicon“ selbstgebaute Dialer mit den entsprechenden Anwahlprogrammen zum Stückpreis von 150 Mark. Nach seiner Identität wird fieberhaft gefahndet.

Ein mutmaßlicher Kunde des Elektronik-Bastlers ist der 25jährige Mike W., genannt „Twilight“. Er soll in und um Leverkusen fleißig Dialer angeklemmt haben, die Sex-Nummern in der Karibik, den Niederländischen Antillen und Hongkong kontaktieren. Wattrodt wurde festgenommen, seine Ausrüstung beschlagnahmt.

Das einträglichste Verfahren: Unter falschem Namen ein Telefon anmelden und pausenlos seine eigenen Sex-Nummern anrufen. Erst wenn die Gebühren nicht bezahlt werden, sperrt die Telekom nach rund zwei Monaten den Anschluß. Die Zeit reicht dem Betrüger aus, um seiner Livecam Sex-Line rund 55 000 Mark Profit einzuspielen. Hinterzogene Gebühren bei der Telekom: rund 250 000 Mark für jeden Anschluß.

Ein Beispiel: Der 20jährige Installateur Michael Schuster aus Neuwied mietete ab 1. November unter dem Namen Michael Schmidt eine Wohnung in Koblenz. Dem Hauseigentümer erzählte er, daß er erst im Januar einziehen wolle.

Wollte er aber nicht. Statt dessen ließ er sich vier Telefonanschlüsse legen und installierte in der Wohnung einen Amiga-Computer, der per Modem permanent eigene Telefonsex Webcam Nummern in Guyana in Südamerika anwählte. Monatlicher Gebührenbetrug: 494 000 Mark. Profit für Schuster: 87 000 Mark. Auch Schuster wurde festgenommen.

Im ganz großen Stil stieg der Holländer Gerhardus Mulder ein: Gemeinsam mit seinen Landsleuten Jacques de Leeuw, Gorrit Gondsma und Hans Letterie gründete er am 24. März 1994 die DATAPULSE Vertriebsgesellschaft für Telefonsysteme mbH und mietete in Düsseldorfs Berliner Allee ein Büro. Einziger Zweck der Firma: Gebühren produzieren – und das mit 30 Telefonen. Allein im August und September richtete die feine Gesellschaft 2,7 Millionen Mark Schaden an. Mulder & Co. kassierten über ihr Telefonsex 520 000 Mark.

Während die Telekom noch nach dem mittlerweile entschwundenen Kunden sucht, macht Mulder unverdrossen weiter. Er gründete bereits am 7. Juli die Global Management Vertriebsgesellschaft für Telefonsysteme GmbH. Irgendwo im Raum Düsseldorf wählt derzeit ein Computer über 30 Telefonleitungen permanent Sex-Telefone in Hongkong an.

Der infamste Trick: Telekom-Beamte erzeugen Gebühren auf Kosten von privaten Kunden oder Geschäftsleuten in Vermittlungsstellen. Noch einfacher: Sie löten ganz einfach Gebührenzähler ab, so daß die Telefonate in der Vermittlungsstelle nicht erfaßt werden. Der überseeische Betreiber der SexNummer kassiert trotzdem über das internationale Verrechnungssystem der Telefongesellschaften.

Im Raum Helmstedt/Königslutter hat sich eine regelrechte Bande von Telekom-Mitarbeitern gefunden, die an Wochenenden mit ihren PCs von Vermittlungsstelle zu Vermittlungsstelle ziehen. Sie wählen über nicht vergebene Telefonleitungen eigens eingerichtete Sex-Nummern an. Ralf Zeretzke, in der Vermittlungsstelle Königslutter tätig, legte sich 24 dieser Nummern in Guyana zu.

Besonders pikant: Sein Helfershelfer Jürgen F. ist für Ermittlungen im Bereich der Hauptvermittlungsstelle Braunschweig zuständig. Insgesamt umfaßt die Helmstedter Gruppe mindestens vier Telekom-Mitarbeiter.

Die Gebührenabzocker sind die Leute an der Front. Hinter ihnen steht eine Telefon-Mafia, welche die komplette Logistik übernimmt. Sogenannte Service-Provider bieten mittlerweile völlig unverfroren Full-Service an. Sie richten Sex-Telefone und Party-Lines ein, rechnen mit den Telefongesellschaften im Ausland ab und zahlen das Geld aus.

Die wichtigsten Dunkelmänner:

l Audiotext Telecommunications Limited (ATL) in London vermittelt monatlich acht Millionen Gebührenminuten – vor allem Sex-Telefonate nach Guyana und der Insel Sao Tome e Principe. Allein in Deutschland fällt ein Gebührenaufkommen von 25 Millionen Mark im Monat an. Zur Freude der Telekom, die mit monatlich rund 12,5 Millionen Mark das größte Stück aus dem Kuchen abbekommt. Die Sex-Telefon-besitzer müssen sich mit Erlösen in Höhe von 5,6 Millionen Mark begnügen.

l Die Voice Information Systems Limited (VISL) mit Sitz in Hongkong und einem deutschen Vertriebsbüro macht monatlich fünf Millionen Minuten. Schwerpunkt: Sex-Telefone in Hongkong und der Dominikanischen Republik. VISL-Geschäftsführer Andrew Wilson muß künftig mit Umsatzeinbußen rechnen: Dank FOCUS-Hinweisen hob die Kripo das in Düsseldorf gelegene Büro aus.

l Die Trend Enterprises im niederländischen Arnheim richtet Sex-Telefone auf den Niederländischen Antillen ein. In Berlin, Schweden und den Niederlanden sind weitere, bisher nicht identifizierte Service-Provider tätig.

Tatort London: FOCUS-Mitarbeiter besuchten ATL und exerzierten durch, wie einfach die Einrichtung einer sogenannten Telefonsex Nummer ist. Der Geschäftsführer von ATL: ein im Rotlichtmilieu bewanderter Däne namens Torben Nielsen. Wer bei ihm eine Sex-Nummer einrichtet, zahlt eine einmalige Pauschale von 1500 Mark.

ATL übernimmt die Abwicklung und zwackt pro Gebührenminute rund 40 Pfennig ab. Auf Wunsch werden die Erlöse in bar oder auf irgendwelchen Konten in Steueroasen gutgeschrieben. So ist laut Nielsen sichergestellt, daß „das Finanzamt garantiert nichts erfährt“.

Welche Sex-Spielarten auch immer der Anbieter auf Band legt, spielt keine Rolle: Es hört sowieso kaum einer zu. Allerdings muß auf den Leitungen irgend etwas stattfinden.

Denn die staatlichen Telefongesellschaften, ob in Hongkong oder in Aruba, kontrollieren, ob tatsächlich auf ihren Leitungen gesprochen wird. Zur Not kann es ein Band sein – manche Scherzbolde verlesen auch Telefonnummern.

Zweite Vorsichtsmaßnahme: Die Gespräche dürfen nicht zu lange dauern. Frühestens nach zehn, spätestens nach 20 Minuten schalten manche ausländischen Telefongesellschaften das Gespräch ab und schauen sich den Anbieter genauer an.

Dritte Bedingung: Es muß der Form halber geworben werden. Ohne Werbung, so die simple Logik, keine Anrufe. Nur wer entsprechende Inserate oder TV-Spots nachweist, erhält seinen Gebührenanteil.

ATL-Chef Nielsen steht auch hier seinen Kunden mit Rat und Tat zur Seite. Rolf Jurkeit, ein guter Freund aus Holm bei Hamburg, übernimmt die Anzeigenschaltungen und produziert in seinem heimischen Tonstudio sogenannte „Vaginal-Tapes“.

Einen heißen Draht hat Nielsen auch nach Hamburg: Der 21jährige Jürgen Gellermann – er gilt als bester deutscher Telefon-Hacker – ist mit einer Million Telefonminuten im Monat Nielsens fleißigster Gebührenproduzent.

Quelle: http://www.focus.de/finanzen/news/telefonsex-der-gebuehrenbetrug_aid_149961.html

10.9.10 13:46
 



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